Der selbstgenaehte Persoenlichkeitsanzug ist zu eng!
»We were born in a time when if something was broken we would fix it, not throw it away.« Kennt ihr das Zitat? Man sagt, dies sei die Antwort einer alten Dame gewesen, die gefragt worden war, wie sie und ihr Mann es geschafft hatten, 65 Jahre lang zusammen zu bleiben.
Seit geraumer Zeit leben wir in einer Wegwerfgesellschaft. Wir schmeißen Lebensmittel in den Müll, wenn sie das Mindesthaltbarkeitsdatum nur um einen Tag überschritten haben, obwohl es ja Mindesthaltbarkeit heißt. Wir trennen uns von veralteten Handys, selbst wenn diese noch einwandfrei funktionieren. Ein Loch im Strumpf? Ab in die Tonne. Der Stuhl ist aus dem Leim gegangen? Macht nichts, ich hole morgen einfach einen neuen bei Ikea. Der Wasserkocher ist verkalkt? Weg damit, bei Saturn gibt’s einen für den selben Preis und der hat auch noch eine LED-Wasserstand-Anzeige.
Und diese Mentalität beschränkt sich tatsächlich nicht nur auf materielle Güter, sondern gilt genauso für Freundschaften, Familien, Partnerschaften, Mitarbeiter… Es scheint nicht so zu funktionieren wie man will? Man streitet? Man ist nicht derselben Meinung? Jemand möchte etwas auf seine Art machen? Wieso aufregen, wozu Zeit und Nerven investieren? Wegwerfen, die oder der Nächste kommt bestimmt. Schließlich sind genug auf der Suche nach jemandem wie mir, ob als Chef, Partner oder Freund! Man ist nicht mehr bereit, an Beziehungen zu arbeiten, sie zu pflegen und zu hüten, Konfrontationen zu begegnen und Probleme zu lösen.
Aber man kann doch nicht im Ernst glauben, Menschen seien genauso austauschbar wie ein Wasserkocher! Schließlich hat jeder eine, seine ganz besondere Persönlichkeit!
Trotz Wegwerfgesellschaft hat bestimmt jeder von uns eine Sache, von der er sich beim besten Willen niemals trennen könnte, selbst wenn sie mittlerweile völlig unbrauchbar ist. Für manche ist das ein alter Turnschuh, mit dem sie ihre erste Marathonbestzeit gelaufen sind, für andere ein Teddy, an dessen Ohr sie schon als Säugling gelutscht haben, für wieder andere der erste Atari-Computer, auf dem sie früher Ping-Pong gespielt haben. Für mich sind das beispielsweise Kassetten, die ich mit meiner besten Freundin aufgenommen habe als wir 11 waren. Nie im Leben würde ich darauf kommen, sie wegzuwerfen, selbst wenn ich mittlerweile gar kein Abspielgerät mehr für sie besitze. Also auch Dinge können eine große Bedeutung bekommen, aber nur ganz speziell für diesen einen Menschen, der etwas mit ihnen verbindet.
So sollte es uns doch auch mit Menschen gehen! Diese Chance, bedeutsam für uns zu werden, sollte man auch seinem atmenden Gegenüber geben!
Trotzdem ist in bestimmten Jobs oft von der Austauschbarkeit von Arbeitskräften die Rede, Menschen konsumieren Sexualpartner wie andere die tägliche Zeitung am Kiosk und tiefgründige, lange Freundschaften werden immer seltener. Ist es das Überangebot? Welches? Etwa das an Leuten, die bereit sind, sich konsumieren und wegwerfen zu lassen? Sind wir uns selbst wirklich so wenig wert?
Manchmal kommt es mir so vor, als würden mittlerweile Güter wieder weniger gern weggeworfen. So gibt es Tauschbörsen für alle möglichen Dinge wie Kleidung, Elektro-Geräte, Eisenwaren, DVDs, CDs und vieles mehr. Der Gedanke, Sachen zu tauschen oder zu teilen, anstatt dauernd Neuanschaffungen zu machen verbreitet sich. Schuld daran: Das große Thema Nachhaltigkeit! Jedoch glaube ich, verlieren weiterhin viele die Menschen aus ihrem direkten Umfeld aus den Augen.
In gewisser Weise wird ein imaginärer Persönlichkeitsanzug genäht, den man den Personen überstülpt, von denen man genau diese Persönlichkeit erwartet. Und wenn sie aus dem Anzug herauswachsen oder ihn selbst ausziehen, dann verlieren sie für den Schneider ihre Bedeutung. Er trennt sich von ihnen, da sie nicht zu seiner Kollektion passen. Dabei könnte er sie sich genauer ansehen, ihren wirklichen Charakter wahrnehmen und zu schätzen lernen, von ihnen profitieren, da auch er sich durch diese Erfahrung weiterentwickeln kann…
Fangt wieder an, Menschen wichtig für euch werden zu lassen. Ich weiß, man wird verletzlich, doch bewahrt man sich dadurch auch seine Menschlichkeit! An Beziehungen und Freundschaften zu arbeiten, Zeit, Kraft und von mir aus auch manchen Ärger zu investieren kann Spaß machen, lässt uns über uns hinauswachsen und schafft etwas mit so hohem Wert, dass man es auf keinen Fall mehr missen möchte. Ohne solche Wichtigkeiten könnten wir doch gar nicht überleben. Und wer in seinem kleinen feinen Egomanen-Teich vor sich hin dümpelt hat doch, wenn wir ehrlich sind, einen so beschränkten Horizont, dass es ihm eigentlich peinlich sein sollte!
Ich möchte gar nicht, dass ihr mit dem Nähen aufhört! Nur zwängt lieber Schaufensterpuppen in eure Entwürfe und keine echten Menschen! Und Leute, macht euch nicht klein, um in einen dieser Persönlichkeitsanzüge hereinzupassen, steht auf und seit ein Selbst, ihr werdet schon von den richtigen Menschen gesehen werden! – N.


