Eine (un)fabelhafte Welt

Gedanken und Ueberlegungen by Naomi-V. Hergueta Geyer

Der selbstgenaehte Persoenlichkeitsanzug ist zu eng!

»We were born in a time when if something was broken we would fix it, not throw it away.« Kennt ihr das Zitat? Man sagt, dies sei die Antwort einer alten Dame gewesen, die gefragt worden war, wie sie und ihr Mann es geschafft hatten, 65 Jahre lang zusammen zu bleiben.

Seit geraumer Zeit leben wir in einer Wegwerfgesellschaft. Wir schmeißen Lebensmittel in den Müll, wenn sie das Mindesthaltbarkeitsdatum nur um einen Tag überschritten haben, obwohl es ja Mindesthaltbarkeit heißt. Wir trennen uns von veralteten Handys, selbst wenn diese noch einwandfrei funktionieren. Ein Loch im Strumpf? Ab in die Tonne. Der Stuhl ist aus dem Leim gegangen? Macht nichts, ich hole morgen einfach einen neuen bei Ikea. Der Wasserkocher ist verkalkt? Weg damit, bei Saturn gibt’s einen für den selben Preis und der hat auch noch eine LED-Wasserstand-Anzeige.

Und diese Mentalität beschränkt sich tatsächlich nicht nur auf materielle Güter, sondern gilt genauso für Freundschaften, Familien, Partnerschaften, Mitarbeiter… Es scheint nicht so zu funktionieren wie man will? Man streitet? Man ist nicht derselben Meinung? Jemand möchte etwas auf seine Art machen? Wieso aufregen, wozu Zeit und Nerven investieren? Wegwerfen, die oder der Nächste kommt bestimmt. Schließlich sind genug auf der Suche nach jemandem wie mir, ob als Chef, Partner oder Freund! Man ist nicht mehr bereit, an Beziehungen zu arbeiten, sie zu pflegen und zu hüten, Konfrontationen zu begegnen und Probleme zu lösen.

Aber man kann doch nicht im Ernst glauben, Menschen seien genauso austauschbar wie ein Wasserkocher! Schließlich hat jeder eine, seine ganz besondere Persönlichkeit!

Trotz Wegwerfgesellschaft hat bestimmt jeder von uns eine Sache, von der er sich beim besten Willen niemals trennen könnte, selbst wenn sie mittlerweile völlig unbrauchbar ist. Für manche ist das ein alter Turnschuh, mit dem sie ihre erste Marathonbestzeit gelaufen sind, für andere ein Teddy, an dessen Ohr sie schon als Säugling gelutscht haben, für wieder andere der erste Atari-Computer, auf dem sie früher Ping-Pong gespielt haben. Für mich sind das beispielsweise Kassetten, die ich mit meiner besten Freundin aufgenommen habe als wir 11 waren. Nie im Leben würde ich darauf kommen, sie wegzuwerfen, selbst wenn ich mittlerweile gar kein Abspielgerät mehr für sie besitze. Also auch Dinge können eine große Bedeutung bekommen, aber nur ganz speziell für diesen einen Menschen, der etwas mit ihnen verbindet.

So sollte es uns doch auch mit Menschen gehen! Diese Chance, bedeutsam für uns zu werden, sollte man auch seinem atmenden Gegenüber geben!
Trotzdem ist in bestimmten Jobs oft von der Austauschbarkeit von Arbeitskräften die Rede, Menschen konsumieren Sexualpartner wie andere die tägliche Zeitung am Kiosk und tiefgründige, lange Freundschaften werden immer seltener. Ist es das Überangebot? Welches? Etwa das an Leuten, die bereit sind, sich konsumieren und wegwerfen zu lassen? Sind wir uns selbst wirklich so wenig wert?

Manchmal kommt es mir so vor, als würden mittlerweile Güter wieder weniger gern weggeworfen. So gibt es Tauschbörsen für alle möglichen Dinge wie Kleidung, Elektro-Geräte, Eisenwaren, DVDs, CDs und vieles mehr. Der Gedanke, Sachen zu tauschen oder zu teilen, anstatt dauernd Neuanschaffungen zu machen verbreitet sich. Schuld daran: Das große Thema Nachhaltigkeit! Jedoch glaube ich, verlieren weiterhin viele die Menschen aus ihrem direkten Umfeld aus den Augen.

In gewisser Weise wird ein imaginärer Persönlichkeitsanzug genäht, den man den Personen überstülpt, von denen man genau diese Persönlichkeit erwartet. Und wenn sie aus dem Anzug herauswachsen oder ihn selbst ausziehen, dann verlieren sie für den Schneider ihre Bedeutung. Er trennt sich von ihnen, da sie nicht zu seiner Kollektion passen. Dabei könnte er sie sich genauer ansehen, ihren wirklichen Charakter wahrnehmen und zu schätzen lernen, von ihnen profitieren, da auch er sich durch diese Erfahrung weiterentwickeln kann…

Fangt wieder an, Menschen wichtig für euch werden zu lassen. Ich weiß, man wird verletzlich, doch bewahrt man sich dadurch auch seine Menschlichkeit! An Beziehungen und Freundschaften zu arbeiten, Zeit, Kraft und von mir aus auch manchen Ärger zu investieren kann Spaß machen, lässt uns über uns hinauswachsen und schafft etwas mit so hohem Wert, dass man es auf keinen Fall mehr missen möchte. Ohne solche Wichtigkeiten könnten wir doch gar nicht überleben. Und wer in seinem kleinen feinen Egomanen-Teich vor sich hin dümpelt hat doch, wenn wir ehrlich sind, einen so beschränkten Horizont, dass es ihm eigentlich peinlich sein sollte!

Ich möchte gar nicht, dass ihr mit dem Nähen aufhört! Nur zwängt lieber Schaufensterpuppen in eure Entwürfe und keine echten Menschen! Und Leute, macht euch nicht klein, um in einen dieser Persönlichkeitsanzüge hereinzupassen, steht auf und seit ein Selbst, ihr werdet schon von den richtigen Menschen gesehen werden! – N.

Die Truebheit hat ein Ende

Auch wenn es seit zwei Tagen wieder schneit und es noch immer nicht danach aussieht, als läge der Berliner Frühling zumindest in halbwegs naher Ferne, sehe ich doch das noch sehr schwache, aber existierende Licht am Ende des dunklen Tunnels der Winterdepression.

Berlin ist grau und absolut nicht dazu geeignet, dort zu überwintern. Wer schon einmal die Wintermonate hier verbracht hat, weiß wie schwer es einem nach einiger Zeit fällt, etwas Gutes am Leben zu finden. Man ist des dunklen Himmels, der langen Gesichter, der schneidenden Kälte auf den Wangen und der langsam tauenden, matschigen Hundehaufen überdrüssig… Der Fall ist klar: Vitamin-D-Mangel! Und wenn man sich davor scheut, sich in die Schlange eines Sonnenstudios hinter eine blondierte, manikürte Hellersdorferin mit Madonna-Piercing, zu viel Make-up und zu langen aufgeklebten Wimpern oder hinter einen muskulösen Lichtenberger Schlägertyp mit akkuraten Kotletten und Augenbrauen einzureihen, dann ist man nach einiger Zeit wirklich nah dran, den Löffel abzugeben oder zumindest abgeben zu wollen. Kein Ende in Sicht. Kommt die Sonne etwa raus? Ach, doch nicht, ich habe mich geirrt. So geht es wochenlang. Ganz egal wie sehr man nach einem kleinen Strahl dieses lebenswichtigen Sterns dürstet, man will es uns nicht gönnen…

Doch wie gesagt, es gibt einen kleinen Sonnenaufgang am Horizont, gleich neben dem Nicht-Flughafen BER – das Beste, das der Februar jeden Jahres fähig ist hervorzubringen: die neue Staffel Germanys Next Topmodel! Endlich ein guter Grund, den Donnerstagabend im warmen und gemütlichen Heim zu verbringen, sich Freunde einzuladen, gemeinsam und nicht einsam und allein auf der Couch Unmengen Schokolade und Asti zu vertilgen und sich dabei die schlanken Mädchen anzuschauen, an die man mit einer Größe von 1,67 und der dauernd herrschenden Unlust so viel Sport zu treiben wie es dafür nötig wäre sowieso nie herankommen wird. Man kann sich an deren reichlichen Tränen ergötzen, anstatt sich darüber Gedanken zu machen, was man selbst nicht hat. Man kann die Makel in deren hübschen Gesichtern aufspüren, denn die gibt es. Meist stammen diese Makel aus dem tiefsten Inneren. Nach außen zeigen sie sich oft als Fehler in der Mimik. Danke dafür, liebe Charakterschwächen! Wir lieben euch für unsere Belustigung! Und wir lieben eure Wirte dafür, dass sie bereit sind, sich selbst und euch vor dem ganzen deutschen Trash-TV-Publikum (ja, ich zähle mich dazu!) bloßzustellen. 

Tut es! Schaut die Privatsender! Und wenn ihr nicht auf Topmodels steht, findet das Format, das euch besser gefällt, zum Beispiel die Minderbemittelten Bauern, die hirnlose oder geistig behinderte Frauen für sich und ihre Mutti suchen oder irgendeine VOX-Sendung, in der an den unpassendsten Stellen dicke Titten aus zu weit ausgeschnittenen Oberteilen plumpsen… Hauptsache es versüßt euch den Abend und macht den Winter erträglicher!

Und dann kommt die Reflexion, in der man sich fragt, wo wir eigentlich leben, dass Menschen für das bisschen Gage bei Frauentausch Seelenstriptease machen, bei Extrem schön all das einem Millionenpublikum zeigen, für das sie sich angeblich so sehr schämen, dass sie sich seit Jahren nicht mehr aus dem Haus getraut haben, bei Verdachtsfälle tatsächlich so schlecht geschauspielert wird, dass nicht einmal eine Teilnehmerin von Schwiegertochter gesucht daran zweifeln würde, dass es sich dabei um eine Pseudo-Doku-Soup handelt oder dicke Deutsche tatsächlich in die Dominikanische Republik fliegen, um dort die Liebe ihres Lebens zu finden. Ich könnte diese Liste endlos weiterführen. Aber vielleicht überlasse ich das lieber Euch!

Das würde mir die Zeit bis zum nächsten Donnerstag definitiv verkürzen! Also ran ans Fernsehprogramm und gebt Euren Senf dazu auf Comments oder Facebook. –N. 

Fernweh

Ich möchte hier weg! Es muss nicht mal weit weg sein, aber je weiter desto besser natürlich. Irgendwie macht sich gerade Frustration breit, der Winter ist zu lang, meine warme Garderobe hängt mir aus dem Hals heraus, Bewegung ist gleich null und Stimmung sowieso im Keller, wenn es so scheint als würde uns die Sonne nie mehr auch nur einen Strahl gönnen! Pickel und trockene Augen von der Heizungsluft, ein Teint wie eine Leiche und eine Trägheit als sei ich auf geradem Weg in meinen Sarg… Wo soll das bloß hinführen?

Das Wochenende ist bekanntlich dazu da, sich zu entspannen bzw. in Aktionismus, den weit verbreiteten Freizeitstress, zu verfallen. Was tu ich also am Wochenende? Ich grüble… Was erwarte ich vom Leben? Wo will ich hin? Was will ich tun? Werde ich jemals zufrieden sein? Oder gehöre ich zu den Menschen, die einfach immer das wollen, was sie gerade nicht haben können? Auf welchen Bereich beschränkt sich dieses Nie-Zufriedensein? Kann ich damit leben, dass alles andere immer scheiße zu sein scheint, solange ich eine Sache finde, mit der ich dauerhaft zufrieden bin? Ist die Liebe des Lebens der Schlüssel dazu? Die Beziehung, für die man seine von jedem verlangte Flexibilität gerne aufgibt und sich der Konstante “Familie” hingibt? Das könnte funktionieren, zumindest zeitweise… Dennoch braucht man noch etwas, um sich Erfüllung zu verschaffen. Eine Leidenschaft ist von Nöten, ob es nun Window-Colour, Tierschutz, Gedichte schreiben oder krankhaftes Gewichtestemmen ist, irgendetwas das man nur für sich hat, wofür man sich begeistern kann. Schön ist es natürlich, wenn der Job schon dieses Bedürfnis befriedigt, doch so ist es selten. Wenn es – wie so oft – nicht so ist, dann muss man sich neben Job und “Familie” noch die Zeit für Leidenschaften nehmen. Woher nehmen? Wenn jemand dafür eine Lösung hat, nur zu!

Ein erster Schritt, der gegen den Winterblues hilft (mir zumindest): Rauskommen. Je nach Stimmung kann das ein einsamer Spaziergang durch schneidend kalte Luft mit dem Hund sein, ein Konzert mit vielen oder wenigen Leuten, ein Schaufensterbummel, eine Party auf der tanzbare Musik läuft, ein DVD-Abend bei einer Freundin, ein Käffchen im Café an der Ecke oder – was am Besten ist – Urlaub oder wenigstens ein Wochenendtrip irgendwo hin wo man abschalten kann von all dem Mist, der einen daheim umgibt! Musik hilft auch, ob über Stöpsel im Ohr auf dem Weg zur Arbeit oder so laut wie es geht daheim beim Wäscheaufhängen oder Spülen! Schreiben tut’s im Übrigen auch ;)

Und dann kommt der zweite Schritt: Finde das, was dich wirklich zutiefst glücklich macht! Viel Erfolg! N.

Hilfe, ich bin eingestellt!

Ich arbeite! Vollzeit, na, eigentlich mehr als Vollzeit, da ich meinen Nebenjob samstags für drei Monate weitermache. Es ist … viel! Ich frage mich, ob es sich noch immer nach so viel anfühlt, wenn ich wenigstens ein tatsächliches Wochenende habe. Derzeit glaube ich nicht daran, dass es weniger wird. Und ich bewundere die Menschen mit großem Unverständnis, die vierzig oder mehr Jahre ihres Lebens mit Vollzeit-Arbeit verbringen. Selbst wenn man seinen Job liebt, ist es doch trotzdem sehr viel! Und wie zur Hölle bringen diese Menschen auch noch eine Familie mit unter den einen Hut?
Ich weiß, ich jammere, aber das tu ich eben gern und außerdem ist Negativ einfach erfolgreicher als Positiv! Aber mal im Ernst – wieso geht es mir denn bloß so, wo ich doch erst am Anfang meines Arbeitslebens stehe? Schließlich habe ich bisher als Student mit netten Nebenjobs schön vor mich hingedümpelt und der Ernst des Lebens fängt erst jetzt mit voller Wucht an. Vielleicht ist es ja genau das - die volle Wucht!

Man arbeitet, um zu überleben! Denn Leben ist doch gar nicht mehr möglich, wenn man eine 40-Stunden-Woche plus Überstunden hat. Oder etwa doch, irgendwann wenn man sich daran gewöhnt hat und seine bis dahin nötigen 7 Stunden Schlaf auf 5 drosseln kann, um am Abend noch etwas zu unternehmen und sein soziales Leben zu pflegen? Das kann natürlich sein!

Ich hatte eigentlich erwartet, dass mich das Arbeiten aktiviert. Denn selbst ohne Arbeit fühlte ich mich ständig gehetzt und zu müde, um Dinge zu tun. Auf eine bestimmte Art tut es das vielleicht auch, daraus wird aber eher ein Zwang, ein Gefühl des Müssens.
Ich muss etwas mit meinem Partner machen, mit ihm kommunizieren, damit er nicht das Interesse an mir verliert und nicht denkt, ich hätte das Interesse an ihm verloren. Ich muss Freunde treffen, da ich sie sonst gar nicht mehr sehe und sie mich vergessen könnten. Ich muss noch einkaufen gehen, da ich sonst nichts zu essen habe und nicht ständig auswärts essen gehen kann, was ich ja schon in der Mittagspause machen muss, denn das macht doch fett. Ich muss aufräumen und sauber machen. Ich müsste eigentlich Sport machen, um nicht als völliges Wrack mit 40 wegen 10 Bandscheibenvorfällen in Frührente gehen zu müssen.
Und das alles, obwohl ich nichts lieber täte als schnellstmöglich nach Hause zu gehen, alles abzuwerfen, endlich die Schuhe auszuziehen, die ich 9 Stunden an hatte, eine warme Dusche oder, besser noch, ein Bad zu nehmen, mich in die Jogginghose zu bequemen und auf die Couch zu setzen oder, besser noch, zu legen – gesessen habe ich schließlich schon den ganzen Tag –, ein schönes Buch zu lesen oder mich vom Fernsehen berieseln zu lassen, den Tag hinter mir zu lassen, nicht auch noch von ihm erzählen zu müssen und sowieso, einfach nicht sprechen zu müssen, Zeit nur für mich, um Ruhe zu finden… Doch dazu kommt man leider nicht, oder ich muss das Abschalten erst lernen.

Dennoch, es ist schön, endlich Arbeit zu haben und in die Weihnachtsferien fahren und tatsächlich richtig entspannen zu können, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, was nächstes Jahr aus mir werden soll.
Ich habe mich gegen meine Mitbewerber durchgesetzt. Ich habe ein Volontariat für 12 Monate, ein zwar bescheidenenes aber wenigstens regelmäßiges Einkommen, ich lerne Neues und werde reicher an Erfahrungen, die ja so gefragt sind (s.h. mein Post vom 07.08. http://diefabelhaftewelt.tumblr.com/post/28904098392/keine-chance-auf-erfahrung-ohne-erfahrung).

Leider habe ich kein Rezept dafür, wie man es schafft, neben dem Arbeiten auch zu leben, denn das soll ja eigentlich das Ziel vom ganzen Arbeiten sein, oder? Leben zu können. Doch es gibt sicher Leute, die haben eine gute Mischung für sich gefunden, und ich hoffe, dass ich dafür auch einfach nur ein wenig Zeit brauche…

Frohe Weihnachten, N.

Veroeffentlicht in der Berliner Gazette

Endlich ist es so weit! Einige Wochen nach Dr. Goldsteins bedauerlichem Tod, ist nun mein Artikel, den ihr hier schon lesen konntet, in der Berliner Gazette erschienen :) Meine Erinnerungen an diesen weisen Mann wollte ich nicht für mich behalten und sie auch nicht nur in meinem Blog veröffentlichen, sondern sie einem breiteren Publikum zugänglich machen. Nachdem er vom Archiv der Jugendkulturen als Kommentar auf deren Seite gesetzt wurde, kam jetzt die Internet-Publikation in der Vernetzten Zeitung, der Berliner Gazette. Nun bleibt es, gespannt auf Kommentare zu warten!

Hier nachzulesen: http://berlinergazette.de/erinnerungen-an-dr-sommer/

Vorsicht: ein nachdenklicher Beitrag mit PLUS im Kopf

Kennt ihr das? Die Sonne scheint - am Himmel und im Herzen. Um Euch herum vielleicht nicht nur Gutes, doch das Schlechte kann Euch nicht aus der Ruhe und Eurer inneren Zufriedenheit holen. Irgendwie abgekapselt von dem, was Euch sonst sooft Sorgen bereitet, wandelt Ihr mit einem Lächeln durch jeden Tag. Weder ein kurzer Regenschauer, noch eine erneute Job-Absage, die Bettler in der U-Bahn oder Euer Nebenjob, der Euch nicht weiterzubringen scheint, kann das dicke fette PLUS in Eurem Kopf in ein dünnes schwarzes MINUS verwandeln. Denn Ihr seit einfach gut drauf!

So geht es mir gerade. Und, meine Güte, es ist richtig schwierig in diesem Zustand ein nützliches Blog zu verfassen! Nichts, worüber man sich aufregen könnte, nichts zu kritisieren… Und doch passiert auch nichts so aufregend Erfreuliches, dass man das Bedürfnis hätte, darüber zu berichten. Deshalb sind seit dem letzten Post auch schon wieder einige Wochen verstrichen. Ein ganz schön lange währendes Hoch, das mich da erwischt hat. Wie wollen wir es nennen? Ich nenne es einfach mal Hoch Magda. Das g und d ganz weich ausgesprochen und ein bisschen schrullig anmutend, scheint dieser Name meiner Stimmung am nähesten zu kommen.

So streife ich also tagtäglich durch das in diesen Tagen langsam herbstlich werdende Berlin - die Sonne scheint glücklicherweise noch sehr viel - und genieße die letzten Wochen, die man ohne Handschuhe und Wollmütze draußen aushalten kann. Das Stadtbild verändert sich. Natürlich sind immer noch genügend Touristen da, um mindestens die o2 World und das Olympiastadion mit ihnen zu füllen, doch der Ansturm nimmt langsam ab. Die gelben Blätter fallen von den Bäumen, verschönern Berlins Beton und verdrecken meinen Balkon. Man sieht überall Stulpen, Strumpfhosen, Hüte und gedeckte Farben anstatt dem grellen Neon, das im Sommer so angesagt war. Leute halten sich wieder gern an ihren heißen Pappbechern mit Kaffee fest. Vor den Eisdielen bilden sich nicht mehr kilometerlange Schlangen. Die kleinen Pinscher tragen, wie es sich gehört, ihren Rollkragenpullover. Bald werden die Restaurants die Heizpilze aufbauen…

Den einen oder anderen Coffee to go schlürfend, mache ich mir Gedanken darüber, wie wohl der Winter werden wird… Mit ein wenig Vorfreude auf die besinnliche Ruhe und Dunkelheit, doch auch mit leichtem Trennungsschmerz vom Sommer, der doch viel zu kurz da gewesen ist. 

Vielleicht kommt es ja im einsamen und viel zu kalten Berliner Altbau in diesem Winter dazu, dass ich etwas Langes von Bedeutung schreibe…

Befreiung und davon nie genug | Erinnerung an Martin Goldstein (1927 - 2012)

© Foto: Naomi-V. Hergueta Geyer

“Heute gilt Dr. Sommer als der Sexualaufklärer. Das ist überhaupt nicht wahr.” Mit diesem Satz ist mir Dr. Martin Goldstein im Gedächtnis geblieben. Wir hatten uns fast genau vor einem Jahr für zwei Tage bei ihm zu Hause verabredet. Ich wollte ihn für meine Magisterarbeit zu seiner Tätigkeit für BRAVO befragen. Mir gegenüber saß in seinem Wohnzimmer in einem Haus, das keine verschlossenen Türen kennt und in dem außer ihm noch seine Lebensgefährtin und eine andere Familie wohnte, ein weißhaariger Mann, der noch immer sprudelte vor seinem Willen, etwas zu bewirken und zu verbessern. „Ich bin immer am Lernen und ich bin jetzt 84 und entdecke immer noch Sachen, die mir nie klar geworden sind. Das hört nie auf und darüber bin ich froh“, so Goldstein.

Natürlich, wenn wir heute an die Sexualaufklärung in BRAVO denken, fällt uns sofort “Dr. Sommer” ein. Denn dieses Pseudonym blieb auch nach Martin Goldsteins Weggang Synonym für die BRAVO-Aufklärung, obwohl diese aus rechtlichen Gründen ab 1984 nur vom so genannten Dr.- Sommer-Team ausgehen durfte. Sexualaufklärung - das ist seither Dr. Sommer. Doch vor und neben ihm erschienen in BRAVO auch andere Aufklärer wie Dr. Vollmer (Pseudonym von Schriftstellerin Marie-Louise Fischer, die in den 60ern für BRAVO schrieb) oder Dr. Korff, dessen Aufklärungs- Kolumne ebenfalls von Martin Goldstein ins Leben gerufen wurde. Goldstein ließ in unserem Gespräch verlauten, dass der wahre “Aufklärer der Nation” Dr. Korff gewesen sei. Denn Dr. Sommer war der Briefkastenonkel, der zwar Fragen zur Sexualität beantwortete, doch vor allem Emanzipation betreiben wollte. Martin Goldstein war es sehr wichtig, dass er als Dr. Sommer nicht nur über Liebe und Sex informierte, sondern die Jugendlichen auch über ihre Rechte gegenüber der Eltern aufklärte und ihnen dabei half, erwachsen zu werden und sich vom Elternhaus zu lösen. „Etwas Neues anzufangen und sich von dem Ererbten zu befreien“ war sein Ziel. Als Dr. Korff hingegen schrieb er, immer in Zusammenarbeit mit einem Team, seitenweise ausführliche Artikel über einzelne Themen der Sexualität wie das erste Mal, Verhütung oder Homosexualität.

Ich habe das Gespräch mit Dr. Goldstein, einem aufgeweckten Mann mit einer enormen Lebensweisheit, der kein Blatt vor den Mund nahm, als große Bereicherung empfunden. Selbst eine Aufklärung ohne Worte erlebt, habe er diese “als frommer evangelischer Jugendlicher” inklusive vieler Verbote fest verinnerlicht, was er teilweise bis in die Gegenwart noch immer merkte, so Goldstein. Die Hochpubertät habe er im KZ verbracht, da er als „Mischling“ deportiert wurde. Das Aufbegehren gegen die Eltern, welches die meisten Jugendlichen erleben, habe er somit nicht durchgemacht. Erst sehr spät in seinem Leben habe er das Meiste über sich selbst, den weiblichen Körper und die Bedeutung von Berührung und Emotionen gelernt. Was weder Psychologie, noch Therapeutik oder Medizin ihm beibringen konnten, habe er von Frauen gelernt. “Bis 50 war ich eigentlich verklemmt”, so Martin Goldstein.

An seine Arbeit für BRAVO schien er sich sehr gerne zu erinnern und erzählte genüsslich davon, obwohl er auch darauf hinwies, dass diese Art von Aufklärung nicht genüge und keinesfalls geeignet sei.

“Für jedes Problem gibt es eine einfache Lösung. Punkt. Und die ist falsch. Und ein echtes Problem hat keine Lösung, sondern es hat eine Geschichte.”

Mit diesen Grundsätzen und dem gewissen „beraterischen Feuer“ bearbeitete er im Team die Leserbriefe der Jugendlichen, die zwischen 1969 und 1984 an Dr. Sommer schrieben. Für ihn waren immer die kleinen Schritte und nicht das Endziel von Bedeutung. Seine Popularität verdankte er wahrscheinlich seinem ermutigenden, angstlosen und einfühlsamen Stil. Interessiertes Zuhören war für ihn das Zauberwort und Belehren Gift für eine angemessene Aufklärung Jugendlicher.

Zweifelsohne hat Martin Goldstein als Dr. Sommer dazu beigetragen, dass BRAVO Marktführerunter den Jugendzeitschriften blieb und ihre Reichweite ausdehnte. Doch als Psychotherapeut und Berater war er sein ganzes Leben, auch vor und nach der Tätigkeit für BRAVO, auf der Suche nach einer passenden Art der Aufklärung von Kindern und Jugendlichen, um sie auf das Erwachsenenleben vorzubereiten. Er verlor nie die Hoffnung, das eines Tages das perfekte Modell gefunden sein wird und zumindest einige Kinder davon profitieren. Goldstein war stets ein kritischer Beobachter und sagte zu seinen eigenen Veröffentlichungen: “Auch meine Bücher sind nichts weiter als Zeitbilder.”

Dr. Goldstein plädierte gegen eine Aufklärung durch Experten, von denen Allwissen verlangt wird. Stattdessen glaubte er an ein erfolgreiches Heranführen von Jugendlichen an das Erwachsensein durch Erlebnispädagogik und den lebensnahen Austausch zwischen Jugendlichen und Erwachsenen, die weder Eltern, Lehrer noch Experten sind. Er kritisierte, dass Eltern auf Fragen ihrer Kinder oft mit Angst reagierten, anstatt mit Stolz über deren sexuelle Entwicklung und sich deshalb kaum zur Aufklärung eigneten.

Das von Diplompädagogin Kathrin Raunitschka entwickelte Modell, eine rituelle Initiation Jugendlicher ins Erwachsenenleben, die “Wildnisschule Potsdam” hatte es Dr. Goldstein in den letzten Jahren ganz besonders angetan. Für ihn war dieses Modell das, was er “80 Jahre gesucht hatte”.

“Und da hab ich gedacht: Jetzt ist es gefunden und es hat schon praktischen Wert. Jetzt kann ich sterben.”

Als mich Martin Goldstein nach unseren aufschlussreichen gemeinsamen Tagen in seinem Auto zum Bahnhof brachte, verabschiedete ich mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge von ihm. Ich habe selten einen so offenen und gleichzeitig verständnisvollen Mann in seinem Alter kennen gelernt, der sehr viel Wissen weiterzugeben hat, jedoch selbst stets auf der Suche nach mehr davon ist.

Erschienen in der Berliner Gazette am 13.10.2012. http://berlinergazette.de/erinnerungen-an-dr-sommer

Jeder hat ‘n Hund aber keinen zum Reden

Ja, Peter Fox hatte schon Recht…

Auch wenn wir eigentlich einander zum Reden haben, mein Freund und ich, wir haben uns Berlin dieses Jahr auch ein wenig angepasst, wir bewegen uns nicht mehr nur zu Zweit durch die Straßen Friedrichshains, sondern zu Dritt - mit unserem Hund!

Vorher sind mir zwar die Hundehaufen aufgefallen, in die manche Spaßvögel kleine Fähnchen mit Sprüchen stecken oder sie mit einer kleinen Knabber-Bretzel garnieren, doch das gehörte für mich einfach zum Straßenbild Berlins. Man läuft ohnehin nicht mit dem Blick nach oben oder in die Ferne gerichtet durch die Straßen, man hält eher Ausschau nach so etwas wie Scherben, Essensresten oder eben Scheiße, damit man sich nicht die Schuhe schmutzig macht. Doch seit ich mich selbst bei jedem Geschäft, das mein Hund vollbringt, dazu erniedrige mich zu bücken und es mit Hilfe eines Tütchens zu entfernen, damit es keiner mit seinem Fähnchen in Besitz nehmen muss, ist mir erst aufgefallen, wie viele Menschen hier tatsächlich Hunde besitzen und auch wie nervig die meisten davon sind! 

Garniertes Häufchen (gesehen in Friedrichshain, Simon-Dach-Kiez)

Auf der Straße traf ich letztens meinen Nachbarn, ein Däne, der zu mir sagte, dass die Hunde in Berlin viel besser erzogen seien als die in Dänemark. Dort würden Hunde nie ohne Leine laufen. Warum ist das wohl so? Ich habe mehrere Vermutungen…

Zum einen ist dieses Phänomen wahrscheinlich das Ergebnis der in Berlin so weit verbreiteten “Selbstständigkeit”. Viele “arbeiten von zu Hause aus” oder eben überhaupt nicht. Womöglich haben viele wirklich nichts Besseres zu tun, weil das “selbstständig” sein in Berlin meistens bedeutet, dass man unbedingt individuell und speziell sein möchte und dafür jede Menge Dürrestrecken in Kauf nimmt (man beobachte nur einmal, wie viele kleine Lädchen im Jahr neueröffnen und im selben wieder schließen…). Dementsprechend viel Zeit haben solche Hundebesitzer, sich mit sich selbst und dem Hund auseinander zu setzen und die Zeit darein zu investieren, ihren Hund auf sich zu fixieren. Denn sie müssen ihren Hund nie allein lassen, er kommt überall hin mit, falls die eigenen vier Wände, oder die des eigenen Ladens/Cafés/Büros überhaupt verlassen werden. Dagegen ist gar nichts zu sagen! Es ist schön, wenn man die Möglichkeit hat, seinen Hund vollständig in seinen Alltag zu integrieren, sogar mehr als die eigenen Kinder (falls man welche hat), die man zumindest für die Kindergarten- oder Schulzeit los ist. Doch ich beobachte, dass sich so auch hin und wieder Besserwisser entwickeln, die sich als Hundeexperten verstehen und sich nicht zurückhalten können, allen um sich herum vielleicht nett gemeinte, meist aber einfach nur arrogant rüber kommende Ratschläge zu erteilen. Und am Ende sind es deren Hunde, die überall ihre Krankheiten verteilen, weil die Besitzer keinen Überblick haben, wo ihre Tiere hin kacken und sie auch nicht zurückrufen, wenn sie mit anderen Hunden spielen wollen. Dann wird nicht dem Hund gesagt, dass er den anderen Hund, der an der Leine läuft bitte in Ruhe lassen soll. Nein, es wird der Besitzer des Leinen-Läufers angefahren, er solle doch seinen armen Hund von der Leine nehmen und spielen lassen. Ich muss meinen Hund aber nicht mit jedem x-beliebigen, vielleicht verwurmten, verflohten oder von übleren Parasiten befallenen Hund spielen lassen, wenn ich das nicht verantworten möchte. Ich lasse meinen Hund mit den Hunden spielen, auf deren Besitzer ich mich verlassen kann! 

Eine andere Möglichkeit für die vermeintlich gute Erziehung der Berliner Hunde ist vielleicht auch diese “Scheißegal-Haltung”, mit der so einige hier herum laufen. Ihnen ist egal, ob ihr Hund direkt neben ihnen oder 20 Meter vor oder hinter ihnen her läuft, ob er im nächsten Hauseingang verschwindet oder in den Späti rennt. Die meisten Hunde würden wohl in solchen Fällen schon zurück- oder nachkommen, doch trotzdem möchte ich es eigentlich vermeiden, dass mein Hund andere Leute auf irgendeine Art belästigt, es gibt schließlich auch Canophobie (=Angst vor Hunden) und Kinder, die von Hundeparasiten krank werden können.

Und dann auch noch diese Tierschützer, die auf dem Hundeplatz sogar selbst ihr Revier markieren. Wenn ein Hund nicht aus Spanien oder Rumänien gerettet ist, dann sollte man besser keinen Fuß darauf setzen, denn man wird gemieden, schief angeschaut, man ist Außenseiter. Dabei ist Hund doch Hund, egal welches Schicksal und welche Vergangenheit er hat. Oder? Kann mein Hund etwas dafür, dass er nicht geschlagen, getreten oder zu töten versucht wurde? Muss er dafür nun Buße tun? Ich habe nichts gegen Tierschutz, ich finde nur, alles muss Grenzen haben. Und wenn sich Menschen darüber definieren und profilieren, dann ist der Sinn meines Erachtens auch vertan, denn dann geht es um Selbstdarstellung und die Tier treten dabei in den Hintergrund! Und dann sitzen sie am Abend auf ihrem Hundeplatz, der ihnen nicht einmal gehört, der eigentlich öffentlich ist, trinken Bier und scheren sich nicht darum, was ihre Hunde machen, wenn man mit seinem Hund auf den Platz geht. Oder sie besitzen tatsächlich gleich ein Huskyrudel, das sie nicht einmal im Griff haben, denn es reichen ja nicht ein oder zwei, sondern es müssen ja gleich fünf Huskys sein, in der Großstadt, wahrscheinlich in einer Zwei-Zimmerwohnung ohne Garten und jegliche Weitläufigkeit gehalten… Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr…

Die Anschaffung, das große Thema. Manche überlegen es sich gut, andere weniger. Überall wird einem geraten, zuerst die eigene finanzielle Lage im Bezug darauf zu eruieren, ob man sich Tierarzt- und Operationskosten und was so ein Vierbeiner noch so mit sich bringt leisten kann. Wir durften es schon am eigenen Leibe erfahren, dass man mit seinem Hund öfter beim Tierarzt sitzt als man selbst beim Arzt ist. Die Behandlungsmöglichkeiten sind immens, es gibt Chemotherapie für Katzen und sogar Chamäleons werden geröncht… Ein Haustier ist heute eben nicht mehr “nur” ein Haustier, es ist ein Familienmitglied und für sein Wohlergehen wird alles getan, was man kann. Es wird mit Biofleisch und -gemüse gefüttert, es bekommt jede erdenkliche medizinische oder homöopathische Behandlung und sogar Wellness-Massagen… 

Doch es gibt auch genug Menschen - und das gilt sicher nicht nur für Berlin-, deren finanzielle Mittel nicht im Geringsten ausreichen, um ihren Tieren auch nur ein wenig vom Besten zu ermöglichen. Man nehme nur die ganzen Penner und Punks, die auf der Straße leben, Alkoholiker oder sogar Junkies sind. Bei solchen Gruppen oder Einzelpersonen sind immer Hunde dabei. Ich zweifle nicht daran, dass viele ihre Hunde wirklich von ganzem Herzen lieben, da sie die einzigen wahren Freunde, die treuen ihnen erhalten bleibenden Seelen sind. Doch waren sie sicher noch kein einziges Mal mit ihnen zur Impfung oder Entwurmung beim Tierarzt. Und auch diese Hunde haben wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben eine Leine gesehen und wuseln durch die Straßen, beschnuppern andere Hunde und hinterlassen ihre verwurmten Häufchen an allen Ecken, über die sich gut gehaltene Hunde infizieren und die Besitzer dann kost- und vor allem stressreich versuchen müssen, die Parasiten los zu werden. Wenn der Stoff dann für das Herrchen oder Frauchen wichtiger wird als alles andere, verschwindet der Hund auf einmal, vielleicht sogar ohne dass es derjenige merkt, er magert ab oder wird krank, weil er sich von Müll ernährt oder sich zu wenig bewegt… Ich kann ja noch nicht mal das Ausmaß des menschlichen Elends fassen, deshalb kann ich hier auch keine Bestandsaufnahme zum Elend derer Tiere geben. 

Wir sind auch nicht die Bestverdienenden, haben uns jedoch trotzdem für einen Hund entschieden. Wir unterscheiden uns von anderen dadurch, dass wir nicht den Anspruch darauf erheben, die Hundeweisheit allein gepachtet zu haben, dass wir dazu bereit sind, die Kosten für unseren Hund zu tragen und dass wir uns dessen bewusst sind, dass wir ihn die nächsten 10-15 Jahre durchfüttern müssen und das auch gerne tun! Wer weiß, würden wir nicht in Berlin wohnen, wir hätten uns vielleicht gar nicht für einen Hund entschieden. Vielleicht wäre es dann eine Schildkröte geworden… Hergeben will ich den Kleinen jedenfalls nicht mehr! 

Ob gut erzogen oder nicht, ob das Laufen ohne Leine dabei überhaupt elementar ist oder ob das entspannte Laufen mit Leine nicht viel wichtiger ist (insbesondere in einer Stadt, in der alle 2 Sekunden ein Auto an dir vorbei fährt) und was gute Erziehung überhaupt beinhaltet - fragt doch Martin Rütter ;) 

Sogar die Penner sind Touristen

Letzten Sommer habe ich von meinem erlebnis- und erkenntnisreichen New York-Aufenthalt berichtet. Dieses Jahr habe ich mich - unter anderem auch aufgrund meiner beruflichen Lage und dem damit einhergehenden Sparbedarf - dazu entschlossen, die paar Wochen Sommer, die wir hier haben, in Berlin zu verbringen. Ja, es könnten zusammengerechnet vielleicht sogar etwa 2 Wochen Sonnenschein mit Temperaturen über 25 Grad zusammenkommen! 

Die Erlebnisse halten sich in Grenzen, wenn man sich hauptsächlich in seinem friedrichshainer Alltag bewegt, doch die Erkenntnisse sammeln sich. Leider sind sie größtenteils negativ…

Berlin ist voll von Touristen. Das ist nichts Neues, denn sie sind nicht nur im Sommer hier, sondern zu jeder Jahreszeit! Du trittst aus deinem Hauseingang und das Erste, was du hörst und siehst, sind blonde Dänen, die mit ihrer Klamotte den Trend der nächsten Sommer-, Herbst-, Winter- oder Frühjahrskollektion für Deutschland setzen. Egal, ob Bullenhitze, Monsunregen oder Eiseskälte, du begegnest ihnen überall und jederzeit. Dann gehst du um die Ecke und das Nächste, was du hörst und siehst, sind ein paar Goa-Italiener, die zugedröhnt und mit Bierflaschen in der Hand aus dem letzten Club zurück in ihr Hostel stolpern. Ein paar Schritte weiter begegnest du den Second-Hand-Briten und wenn du dich dann noch traust weiter zu gehen, kommen dir mit Sicherheit auch noch fröhliche Spanier entgegen, die auch irgendetwas Nerviges an sich haben. Zu allem Überfluss bleiben die Berlin-Touristen ja größtenteils nicht nur 1 oder 2 Wochen, sondern gleich ein paar Monate, ein halbes Jahr oder noch länger! Es ist zum aus der Haut fahren! Es wimmelt nur so vor Dauer-Touristen, die sich einfach eine gute Zeit machen, feiern gehen, feiern gehen und… wer hätte es gedacht: feiern gehen!

Doch damit nicht genug! In Berlin sind sogar die Penner Touristen! An der Ecke, an der vor 2 Jahren als ich her zog noch die traditionellen Berliner Punk-Penner saßen, tranken und bettelten, sitzen, trinken und betteln mittlerweile abwechselnd oder gleichzeitig Penner und Punks, die italienisch oder russisch miteinander sprechen. Wer weiß, ich könnte mir vorstellen, dass die am Abend auch zurück in ihr Hostel-Zimmer gehen…

Und immer noch nicht genug! Mittlerweile hat keiner mehr Skrupel einfach jedem, der an ihm vorbei kommt, Drogen anzubieten. “Hey Girls, need something?” Sie sind also auch noch auf Touristen spezialisiert, die Dealer des heutigen Berlins, oder vielleicht sind sie selbst Touristen? Wen würde das wundern? Mich jedenfalls nicht. Mir wurde zum Beispiel jetzt bereits mehrmals versucht, Koks anzudrehen. Eine Szenerie: Ich gehe, wie ich es bis dahin immer tat, meine Abkürzung zur S-Bahn Warschauer Straße durch das RAW-Gelände, biege um eine Ecke und erwische zwei vom Sonnenstudio gegarte Kerle dabei, wie sich der eine gerade - es war ein heißer und sonniger Nachmittag! - eine Line auf einem Fensterbrett zurecht macht. Warum man das gerade bei so einem Wetter, zu dieser Tageszeit und unbedingt in der Öffentlichkeit tun muss, erscheint mir immer noch rätselhaft. Unbekümmert kam der eine der beiden dann zu mir und fragte mich, ob ich bisschen Gras haben wollte. Ich verneinte höflich. “Dann vielleicht bissch’n Koks? Ich lad’ dich ein!” war der nächste Versuch. Ich lehnte auch dieses nette Angebot dankend ab und machte mich schnellstens aus dem Staub, um nicht noch unfreiwillig in den Genuss irgendeines Opiats zu kommen, wenn die beiden schon so spendabel waren…

Wenn man es sich mal genau betrachtet und dem Friedrichshain ein wenig überdrüssig ist, wie ich gerade, dann fällt auf: Es geht mittlerweile sowieso nur noch um’s Feiern. Wer nach Berlin zum Urlaub kommt oder zum Leben, der kommt eigentlich doch nur zum Feiern. Und das möglichst mindestens 72 Stunden lang! Die Frage ist: Muss das sein? Und macht das überhaupt noch Spaß, wenn man es nicht nur ein Mal tut, sondern jedes Wochenende, oder unter der Woche oder einfach ständig? Wird es dann nicht eher zu einer Pflicht? Schließlich kann man ja keinem stolz davon erzählen, wie lange man letztes Wochenende - am besten noch auf irgendwelchem Koks, Ketamin, Amphetamin oder was man sich sonst noch so gern rein pfeift - durchgehalten hat, wenn man mal aussetzt. Jeder Club scheint seinen Hausdealer zu haben, der mit seinem Täschchen durch die Räume schlendert, sich vor den Toiletten postiert und sowohl das Personal als auch die Gäste mit Puder, Plättchen und Pillen versorgt. Ich sehe in letzter Zeit, da sich die nächtlichen Temperaturen zumindest über 10 Grad halten, immer häufiger Leute, die auf der Straße schlafen, obwohl sie so aussehen als hätten sie ein Zuhause und würden regelmäßig duschen. Wahrscheinlich haben sie es einfach nicht mehr heim geschafft, weil für sie die Nacht zu lang war oder sie den falschen Dealer erwischt haben… 

Und was ist die Voraussetzung dafür, sich diese Art von Leben, das aus Trinken, Koksen, Tanzen, schlechte Currywürste oder Döner Kebab essen und ab und zu ein Nümmerchen auf einem Club-Klo schieben (ja, ich habe bewusst das weitere Grundbedürfnis Schlaf ausgelassen!) besteht, zu leisten? Man ist oft Student, meistens aber “Individualist”, “Selbstständiger”, Minijobber oder schlicht und ergreifend arbeitslos mit Unterstützung von Mama und Papa oder dem Staat des Landes, aus dem man kommt, und immer ist man natürlich “kreativ”.

Zum urbanen Pennertum ein interessanter Text von Mercedes Bunz: http://www.mercedes-bunz.de/texte/urbaner-penner/

Lasst’s krachen! N.

Keine Chance auf Erfahrung ohne Erfahrung

Der Jobmarkt ist frustrierend. Nicht, dass es keine Angebote gäbe, die gibt es schon. Ob sie natürlich die Zahl der reichlichen Studienabsolventen, die gerade auf der Suche sind, abdecken, ist eine andere Frage. Frustrierend sind mehr die Stellenanzeigen. Denn dort steht jedes Mal etwas von mehrjähriger Berufserfahrung, die vorausgesetzt wird.

Doch wie soll man als Berufsanfänger Berufserfahrung sammeln, wenn einem dafür keine Chance gegeben wird? Eine Chance zu geben könnte beispielsweise darin bestehen, einen klugen und jungen Geist mit jeder Menge Fähigkeiten und wenig Erfahrung einzustellen…

Letztendlich haben wir uns für eine Bewerberin entschieden, die bereits durch verschiedene Praktika Erfahrungen sammeln konnte.

Wir hatten jetzt zuerst die Bewerber eingeladen, die schon Arbeitserfahrung auf dem Gebiet direkt hatten und uns dann schon sofort für eine Bewerberin entschieden.

Mit solchen E-Mail-Absagen, die man auf seine Bewerbungen erhält, in die man jedes Mal auf’s Neue Mühe, Hoffnung und Zeit investiert, muss man dann umgehen können. Und man wird nicht einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen… Interessieren Persönlichkeit und Engagement denn niemanden mehr?

Natürlich, es ist verständlich, dass man als Unternehmen gerne Besseres zu tun hat als jemandem auch noch zu erklären, wie der Laden läuft. Und doch ist jeder dazu bereit, sobald es sich um einen unbezahlten Praktikanten oder einen unterbezahlten Mini-Jobber handelt. Doch profitieren könnte der ein oder andere sicher davon, würde er auch mal jemanden fest einstellen, der noch nicht vorbelastet ist, frisch an die Dinge herangeht und gewillt ist, etwas zu lernen, und demjenigen das zu geben, was er auch wirklich verdient: einen fairen Arbeitsvertrag und eine angemessene Bezahlung. Denn unter diesen Bedingungen hat man sicher mehr Freude an einem hochmotivierten Mitarbeiter, der sehr bald weiß, wo der Hase lang läuft und der einem länger als ein paar Monate erhalten bleibt. Denn ein Praktikant bleibt immer Praktikant und ein Mini-Jobber immer nur ein Mini-Jobber. Keiner der beiden wird sich so für das Unternehmen einsetzen und engagieren wie es jemand tun würde, der für seine Aufgaben geachtet und bezahlt wird und sich durch seinen Arbeitsvertrag der Firma auch mehr verpflichtet fühlt als jemand, der mal für ein paar Wochen oder Monate vorbei schaut und dem von Anfang an auch schon keine Aussicht auf Übernahme gegeben wird. 

Ich möchte mich nicht zu sehr beklagen. Schließlich hätte ich meine Studienzeit auch dazu nutzen können, mehr Praktika zu absolvieren, wie es uns stets gepredigt wurde, wenn sich mal wieder jemand vom Arbeitsamt zur Beratungsstunde vor das Seminar in der Uni setzte und uns weder er-, noch entmutigen konnte. Dass ich nicht auf’s Arbeitsamt hören wollte, beschert mir jetzt die großen Schwierigkeiten dabei, eine Chance auf einen adäquaten Job zu bekommen. So bewerbe ich mich mittlerweile, größtenteils aus Verzweiflung, auch schon für Praktika, um irgend etwas tun zu können, um eine Aufgabe zu haben und natürlich, um die so inständig verlangte Erfahrung zu sammeln…

Während meines Studiums war ich zu sehr damit beschäftigt, mir nebenbei ein bisschen Geld zu verdienen, da ich mich auf den ständigen Anspruch auf BAFöG leider nicht verlassen konnte. Dazu kamen die Hausarbeiten, die ich in meinen Semesterferien lieber schrieb als Praktika zu absolvieren (die im Übrigen in vielen Bereichen auch nie unter 3 Monaten vergeben werden, also nur während der Ferien oder eines Urlaubssemesters absolviert werden können). Ein Urlaubssemester kam auch nicht in Frage, schließlich habe ich nicht mal so die Regelstudienzeit einhalten können und es wird doch ständig davon gesprochen, man solle das Studium möglichst schnell und erfolgreich beenden, besonders jetzt bei der verkürzten Studienzeit durch den Bachelor und Master (bei denen jedoch - im Gegensatz zu den alten Magisterstudiengängen, die alle auslaufen und man bald keinen Abschluss mehr hätte machen können, hätte man länger gebraucht - Praktika bzw. Praxissemester eingeplant sind). Irgendwann sei man dann ja auch zu alt, um von der Uni als Absolvent auf den Arbeitsmarkt ausgespuckt zu werden… 

Nun stehe ich da, erhalte eine Absage nach der anderen, habe bisher lediglich 2 Vorstellungsgespräche angeboten bekommen, und werde dennoch nicht müde, mich auf jegliche Stellenangebote zu bewerben (es sollen ja auch nicht irgendwelche Stellen sein, es soll ja schon zu einem passen - deshalb halte ich mich auch ohne Hartz IV über Wasser, denn ich möchte mit meinem Magister-Abschluss in Kulturanthropologie keinen Job als Maler oder Flyerverteiler angeboten bekommen und diesen dann auch noch annehmen müssen). Man steckt jede Menge Niederlagen ein und macht weiter. Denn irgendwann muss doch mal jemand kommen, der bereit ist, sich mit mir zu unterhalten und dann zu bemerken, was ich drauf habe, auch wenn das nicht in meinem Lebenslauf stehen kann…

Nehmt mich! N.